Samstag, 25. August 2007

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Schmerztoleranz & Wehleidigkeit


DAS POPULÄRE VORURTEIL:

Männer sind Memmen. Sie sind schmerzempfindlicher als Frauen und halten weniger aus.

DIE WAHRHEIT:

Studien beweisen: Männer sind schmerztoleranter als Frauen.

Sie klagen weniger und sie halten mehr aus.

(Das Körnchen Wahrheit im Vorurteil: Auch Männer sind nur Menschen und daher nicht absolut schmerzresistent. Im Ausnahmefall gibt es sogar manche Frauen, die schmerztoleranter sind als manche Männer. Das ist zwar nicht die Regel, fällt aber so sehr auf, dass es gerne überbewertet wird.)

SCHMERZFORSCHUNG

Ein Teilbereich der Schmerzforschung beschäftigt sich mit der unterschiedlichen Schmerzempfindlichkeit der Geschlechter. Ziel ist es, die Schmerztherapie geschlechterspezifisch anzupassen und so Schmerzpatientinnen und Schmerzpatienten gezielter helfen zu können.

Welche Erkenntnisse bringen die Experimente der Schmerzforschung?

Im November 2005 sollte in der von Günther Jauch moderierten RTL-Sendung „Typisch Frau, typisch Mann“ unter anderem die Frage beantwortet werden, welches Geschlecht denn nun schmerzempfindlicher ist. Natürlich zog man einen Experten hinzu, den Schmerzforscher und Psychologen (Professor für Physiologische Psychologie) Professor Lautenbacher von der Universität Bamberg.

Die Publikumsfrage, die vor Bekanntgabe der Lösung gestellt wurde lautete, welches Geschlecht nach Meinung der Zuschauer schmerzempfindlicher sei. 81% der Zuschauer vertraten die Ansicht Männer seien schmerzempfindlicher als Frauen. Eine überwältigende Mehrheit. Zum Schluss gewann jedoch eine Frau, die entgegen der landläufigen Meinung gestimmt hatte. Für sie war klar: Frauen sind das schmerzempfindlichere Geschlecht. Und sie sollte Recht behalten.

Professor Lautenbacher demonstrierte diese, in zahlreichen Experimenten gewonnene Erkenntnis live an zwei Prominenten: Barbara Schöneberger und Ingolf Lück. Die Vorgehensweise: Mit einem speziellen Gerät wird Druck auf die Nackenpartie der Probanden ausgeübt. Diese sollen bestimmen, ab welchem Punkt der Druck in ein Schmerzgefühl übergeht. Es zeigt sich, dass Frauen durchschnittlich einen Druck von 400 Kilopascal aushalten, bevor es für sie schmerzhaft wird, Männer hingegen erst bei durchschnittlich 600 Kilopascal Schmerzen empfinden. Frauen zeigen sich bei diesem Experiment also um ein Drittel schmerzempfindlicher.

Natürlich stellt sich die Frage, ob bei einem solchen Experiment geschummelt werden kann, sprich, dass die Männer einfach behaupten, erst später einen Schmerz zu spüren. Dazu befragt, klärt Professor Lautenbacher darüber auf, dass die Messung bestimmter Hirnströme in Verbindung mit diesen Schmerztests ebenfalls zeigt, dass Frauen schon einen geringeren Reiz als schmerzhaft empfinden als Männer.

Zudem gibt er an, dass weitere Experimente gezeigt haben, dass Frauen scheinbar schmerzempfindlicher reagieren, je tiefer der Schmerz im Körperinneren lokalisiert wird. So leiden Frauen beispielsweise wesentlich häufiger an Kopfschmerzen, die schließlich auch im Körperinneren stattfinden. (1)

Auch im Tierversuch zeigt sich bei den Männchen eine erhöhte Schmerzresistenz, was beweist, dass Männlichkeit grundsätzlich mit erhöhter Schmerzresistenz einhergeht. Es handelt sich also nicht um eine Art anerzogene sondern in der Hauptsache um eine genetisch bedingte Schmerztoleranz. (3)

Solcherlei Experimente werden seit etlichen Jahren an den unterschiedlichsten Universitäten der Erde durchgeführt. Natürlich findet nicht nur der Druckschmerz Beachtung. Seien es Schmerzreize durch Hitze, Kälte, Druck, elektrische Schmerzimpulse, etc., immer wieder kommen die Wissenschaftler zum gleichen Ergebnis: (2)

  1. Frauen klagen beim selben Schmerzreiz schneller darüber Schmerzen zu haben.
  2. Frauen ordnen demselben Schmerzreiz eine höhere Intensität zu als Männer.
  3. Frauen beklagen denselben Schmerzreiz schneller als nicht mehr ertragbar.
  4. Frauen geben schneller auf bei Tätigkeiten, die mit Schmerzen verbunden sind.

Welche Mechanismen führen zu einer erhöhten Schmerzbelastbarkeit bei Männern?

Damit Männer bei Tätigkeiten, die mit Schmerzen zu tun haben, belastbarer sind, ist die Natur auf Nummer Sicher gegangen und hat verschiedene (sowohl körperliche, als auch psychisch-geistige) Mechanismen eingerichtet, die Männer unempfindlicher machen: (2)
(Natürlich hat auch die Sozialisation einen gewissen Einfluss auf den Menschen, jedoch stehen grundlegende genetische Voraussetzungen im Vordergrund. An ihnen erkennt man die tatsächlichen und auch sinnvollen Unterschiede zwischen den Geschlechtern.)

1. Männer besitzen weniger Schmerzrezeptoren.

2. Das Hormon Testosteron dämmt das Schmerzempfinden.

3. Bestimmte Eiweißstoffe führen beim Mann zu einer erhöhten Schmerztoleranz.

4. Männer verarbeiten Schmerzen im kognitiven Bereich des Gehirns – sie gehen mit Schmerz pragmatischer um. Damit ist gewährleistet, dass Männer auch körperlich gleich stark empfundene Schmerzen auf geistig-psychischer Ebene besser aushalten können.

5. Frauen verarbeiten Schmerzen im emotionalen Bereich des Gehirns – Schmerz verursacht so schneller Angst und Stress. Diese Emotionen führen insbesondere bei Frauen zu einem gesteigerten Schmerzempfinden.

Dass Frauen schmerzempfindlicher sind ist sinnvoll, damit Frauen ihren weniger robusten Körper durch ein verstärktes Vermeidungsverhalten besser vor schädigenden Einflüssen schützen. Männer hingegen haben einen Überlebens- und Fortpflanzungsvorteil, wenn sie sich gegenüber Konkurrenten durchsetzen. Dafür ist neben anderen Qualitäten ein robuster Körper notwendig, der aber letztendlich kaum nützlich wäre, würde der Mann aufgrund von Schmerzempfindlichkeit zu schnell einknicken. Mehr dazu im Kapitel "Evolution".

Sind diese Werte allgemeingültig?


Selbstverständlich sind die Ergebnisse aus der Schmerzforschung Durchschnittswerte, die sich auf den Großteil der Bevölkerung beziehen. Im Ausnahmefall gibt es natürlich auch besonders schmerzresistente Frauen und besonders schmerzempfindliche Männer. Es handelt sich dabei jedoch um Minderheiten, deren Gene sich aufgrund mangelnder Zweckmäßigkeit nicht in der breiten Masse durchsetzen (siehe Kap. Evolution).

Warum wird Wehklagen bei Männern weniger toleriert als bei Frauen?

Studiert man die zahlreichen Schmerzstudien, die weltweit an den verschiedensten Institutionen durchgeführt wurden, stellt man einerseits fest, dass eindeutig bewiesen ist, dass Frauen auf Schmerzen empfindlicher reagieren als Männer. Anderseits fällt auf, dass die Ergebnisse von den jeweiligen Versuchsleitern und in den Medien in den allermeisten Fällen mit äußerster Vorsicht präsentiert werden. Man merkt sofort, dass auf jeden Fall der Verdacht der Frauenfeindlichkeit vermieden werden soll. Im Gegensatz dazu werden Männer ganz offen beim geringsten Anlass als Weicheier belächelt.

Das geht sogar so weit, dass ein Teil der so genannten Fachleute zwar eingesteht, dass Männer nicht so schmerzempfindlich sind wie Frauen und stärkere Schmerzen auch über einen längeren Zeitraum aushalten können, auf der anderen Seite versuchen sie jedoch diese Aussage zu relativieren, indem sie hinzufügen, Männer seien dafür aber wehleidiger. Selbstverständlich bewahrt diese Art der Argumentation den Fachmann vor dem Ruf der Frauenfeindlichkeit und passt besser in unser emanzipiertes Weltbild, doch wenn man sich die Schmerzstudien genau anschaut, wird deutlich, dass Männer eben doch nicht wehleidiger sind als Frauen.

Neben Messungen schmerzrelevanter Hirnströme und Hormonausschüttungen werden die Ergebnisse der Schmerzforschung nämlich hauptsächlich an der Wehleidigkeit der Versuchspersonen gemessen. Die Wissenschaftler gehen davon aus: Wer mehr klagt, der ist auch schmerzempfindlicher. Und das sind sowohl im Experiment als auch im Alltag nun mal die Frauen.

Was im Experiment recht deutlich zu erfassen ist, lässt sich im Alltag nicht immer so eindeutig erkennen. Unsere subjektive Wahrnehmung funktioniert nämlich ausgesprochen unzuverlässig. Allein die Tatsache, dass wir Schwäche beim Mann weniger tolerieren als bei der Frau, führt dazu, dass wir Männer schon aus wesentlich geringerem Anlass als Weicheier wahrnehmen.

Ein Beispiel:

Der James Bond Darsteller Daniel Craig, der die Rolle des Geheimagenten 007 in der 21. James Bond Verfilmung „Casino Royale“ spielte, wurde von der Presse zunächst als Weichei verspottet. Die Presse begründete ihre „Weichei-Diagnose“ unter anderem damit, dass der Schauspieler sich bei der Überfahrt auf einem Schnellboot an einem dafür vorgesehenen Griff festgehalten und eine Schwimmweste getragen hatte. Das dazugehörige Foto ging als Softie-Beweis um den Globus.

Anmerkung: Das Tragen einer Schwimmweste ist auf solchen Booten Pflicht, und wer einmal auf einem solchen Boot mitgefahren ist, weiß, wie schnell ein unachtsamer Beifahrer über Bord geschleudert werden kann.

Stellen wir uns eine Action-Schauspielerin vor. Wäre eine Frau ebenfalls als Weichei verspottet worden, weil sie sich im Schnellboot vorschriftsmäßig an einem Griff festhält und eine Schwimmweste trägt? Wohl kaum. Bei einer Frau wäre unsere Wahrnehmung ins genaue Gegenteil geschlagen. Sie wäre von der Presse als "mutige Powerfrau" gelobt worden.

Genau dieses Phänomen erleben wir auch in Bezug auf die geschlechterspezifische Wehleidigkeit, sowohl in der alltäglichen Wahrnehmung, als auch in der Berichterstattung der Medien.

Machen Sie einmal selbst den Test: Ab wann bezeichnen Sie einen Mann als wehleidig, wann eine Frau. Wenn sich demnächst eine Frau vor Schmerzen krümmt, weil sie sich das Schienbein an der Tischkante gestoßen hat, überlegen Sie, ob die Frau Ihnen als Weichei erscheint. Stellen Sie sich dann vor, anstelle der Frau verhielte sich ein Mann ebenso wehleidig.

Die Ursache dafür, dass wir Frauen mehr Tränen zugestehen bevor wir sie (wenn überhaupt) als wehleidige Weicheier abstempeln liegt darin, dass ein solches Verhalten bei Frauen nicht besonders auffällt, weil es eben typisch weiblich ist. Für Männer gilt es einerseits als unmännlich, wenn sie Schmerzen äußern, auf der anderen Seite werden sie gleichzeitig von vielen als das wehleidige Geschlecht bezeichnet. Ein solcher Zwiespalt in Wahrnehmung und Meinung ist auch auf etlichen anderen Gebieten keine Seltenheit und wird in der Psychologie als „Ambivalenz“ bezeichnet.

Letztendlich sind die Ergebnisse der Schmerzforschung eindeutig: Bei objektiver Betrachtung und bei direktem Vergleich sind Männer schmerzresistenter, was sich vor allem dadurch zeigt, dass sie sich weniger wehleidig verhalten.

Wichtig:

Ziel dieses Kapitels ist es, wertfrei über Vorurteile und Tatsachen aufzuklären. Auf keinen Fall sollen Frauen oder Männer in irgendeiner Form als bessere oder schlechtere Menschen bewertet werden. Das Bewerten sowie die Verbreitung frei erfundener Studien und anderer Unwahrheiten ist Aufgabe bestimmter Chauvinisten und bestimmter Feministen.

QUELLENHINWEISE:

(1) Interview Professor Lautenbacher:

http://my.feki.de/neuigkeiten/bamberg/051128_typischfraumann.htm

(2) Bezug auf weitere Schmerzstudien:

Differenzierte Schmerzstudien die (wie alle anderen auch) zu o.g. Ergebnissen geführt haben finden Sie unter:

National Institutes of Health, Gender and Pain, April 1998

- Dr. Roger B. Fillingim, Ph.D., Department of Psychology, School of Social & Behavioral Science, University of Alabama, Birmingham, Alabama

- William Maixner, D.D.S., Ph.D., Department of Endodontics, School of Dentistry, University of North Carolina, Chapel Hill, North Carolina

Links zum Thema:

http://newsletter.doccheck.com/generator/107/317/xhtml

http://www.laserneedle.at/ger/presse/downloads/stimmen/Schmerz%20-%20Ganzheitliche%20Schmerztherapie.htm

http://news.bbc.co.uk/1/hi/health/4641567.stm

http://www.sciencedaily.com/releases/2005/07/050705004113.htm

http://www.sfa-ispa.ch/index.php?IDtheme=64&IDarticle=183&langue=D

(3) Schmerztests im Tierversuch:

http://www.tachherrdoktor.de/page.cgi?ID=19539

http://science.orf.at/science/news/115638

http://www.ziis.de/newsletter_03_02.htm#Schmerzen